Die Antwort ist einfacher als man denkt: Das Gespenst von Canterville heißt Sir Simon de Canterville. Oscar Wilde nennt ihn beim Namen, gibt ihm eine Biografie und eine Geschichte – und macht ihn damit zu einem der lebendigsten Geister der Weltliteratur. Kein anonymes Schreckgespenst, kein namenloser Spuk, sondern ein konkreter Mensch mit einer konkreten Schuld.
Sir Simon de Canterville lebte im 16. Jahrhundert. Er ermordete 1575 seine Frau, Lady Eleonore de Canterville. Er wurde bestraft – eingemauert und verhungern gelassen. Seitdem geistert er durch Canterville Chase, unfähig zur Ruhe, unfähig loszulassen. Und das seit über dreihundert Jahren.
Sir Simon de Canterville – wer war er zu Lebzeiten?
Wilde gibt Sir Simon eine präzise Biografie. Er war ein englischer Adeliger, der Canterville Chase bewohnte und der Familie Canterville angehörte. Im Jahr 1575 tötete er seine Frau Lady Eleonore – nach der Erzählung, weil sie keine Würze in seinen Mahlzeiten verwendete. Diese groteske Begründung ist typisch für Wildes Humor: Sie macht das Verbrechen absurd und Sir Simon dadurch weniger Monster als bemitleidenswerter Mensch mit einem schrecklichen Fehler.
Seine eigene Familie ließ ihn als Strafe in einem Flügel des Schlosses einmauern. Neun Tage lang fanden sich seine Stiefbrüder damit ab, ihn verhungern zu lassen. Seitdem ist er tot – aber nicht in Ruhe.
Sir Simon spukt seit 1584 in Canterville Chase – das ist der erste Spukfall, den Wilde in der Geschichte dokumentiert. Über dreihundert Jahre lang hat er seinen Dienst getan, bevor die Familie Otis einzieht und alles ändert.
Sein Erscheinungsbild – die Grundgestalt
In seiner Grundform erscheint Sir Simon als ein alter, hagerer Mann mit zotteligem grauem Haar und einem langen Bart, in verwitterter mittelalterlicher Kleidung. Er schleppt rasselnde Ketten hinter sich her – ein klassisches Requisit des englischen Geistergenres, das Wilde bewusst zitiert und dann konterkariert: Mr. Otis reicht ihm beim ersten Erscheinen Öl für die quietschenden Ketten.
Was sein Erscheinungsbild einzigartig macht, ist seine Wandlungsfähigkeit. Sir Simon hat in drei Jahrhunderten ein beeindruckendes Repertoire an Verwandlungen entwickelt, auf die er zu Recht stolz ist – und die bei der Familie Otis vollständig versagen.
Seine Kostüme und Erscheinungsformen
Sir Simon ist kein einfacher Poltergeist, der nur klopft und Türen zuschlägt. Er ist ein Künstler seines Fachs – mit einem sorgfältig gepflegten Repertoire historischer Verwandlungen, die er über Jahrhunderte perfektioniert hat. Jede Erscheinungsform hat ihren eigenen Namen, ihr eigenes Kostüm und ihre eigene dramatische Wirkung – zumindest in der Theorie.
- Rupert der Unerschrockene – eine seiner blutigsten Erscheinungsformen: mit Wunden bedeckt, eine schwere Keule drohend in der Hand, den Körper von Kampfspuren gezeichnet. In früheren Jahrhunderten ließ diese Erscheinung die Bewohner des Schlosses von Sinnen kommen. Die Zwillinge begrüßen ihn mit einer Erbsenschlacht.
- Der Blutrote Benedikt von Bamwick – ein besonders aufwändiger Auftritt, bei dem Sir Simon sich von Kopf bis Fuß mit Blut tränkt und in scharlachroten Gewändern durch die Gänge schreitet. Über dreihundert Jahre war diese Erscheinung seine zuverlässigste. Die Familie Otis kommentiert die Farbwahl mit Anmerkungen über aktuelle Modetrends.
- Der Geist des Fürsten Iorwerth – eine historisch-theatralische Erscheinung in mittelalterlicher Adelstracht, mit allem, was zu einem walisischen Fürsten des Mittelalters gehört. Sorgfältig recherchiert und bis ins Detail ausgearbeitet. Die Zwillinge stellen ihm einen Wassereimer über der Tür auf.
- Der Stumme Daniel oder der Selbstmörder der Sutherland Avenue – eine besonders eindrucksvolle Kreation der späteren Jahre: bleich, lautlos, mit aufgerissenen Augen und einem Ausdruck tiefer Verzweiflung. Sir Simon setzt viel auf diesen Auftritt. Er endet damit, dass er in der Bibliothek ohnmächtig zusammenbricht, nachdem ihm die Zwillinge ihrerseits ein selbst gebasteltes Pappgespenst entgegenhalten.
- Der Vampir – sein letzter Versuch einer klassischen Erscheinung: in dunklem Umhang, das Gesicht totenbleich, die Bewegungen langsam und bedrohlich. Washington Otis verfolgt ihn mit einer brennenden Kerze durch drei Stockwerke bis hinunter in die Bibliothek.
Der Blutfleck – Sir Simons Visitenkarte
Zu Sir Simons Markenzeichen gehört der alte Blutfleck auf dem Wohnzimmerboden von Canterville Chase – der Fleck von Lady Eleonore, seiner ermordeten Frau. Dieser Fleck ist gewissermaßen sein Zeichen: Er erneuert sich jedes Mal, wenn er entfernt wird.
Die Familie Otis entfernt ihn zunächst mit Pinkerton’s Champion Stain Remover. Am nächsten Morgen ist er zurück. Diese kurze Szene fasst das gesamte Werk in einem Bild zusammen: Vergangenheit lässt sich nicht wegwischen. Sie kommt wieder.
Der Blutfleck ist das einzige Element in der Geschichte, das Sir Simons Schuld physisch sichtbar macht. Alles andere ist Kostüm und Inszenierung – der Fleck ist real.
Sir Simon und Virginia – die entscheidende Begegnung
Was Sir Simon wirklich ist, zeigt sich erst, als Virginia ihn in der alten Wappengalerie findet – erschöpft, allein, ohne jeden Trick oder jedes Kostüm. Er ist müde. Er erklärt ihr, dass er nicht schlafen kann. Dass er dreihundert Jahre lang nicht geschlafen hat. Und dass es eine Prophezeiung gibt, eingraviert am Fenster der Galerie – über ein Kind, das für ihn weint, für ihn betet und ihm Vergebung bringt.
Virginia fragt nicht lange. Sie geht mit ihm.
Am Ende ist Sir Simon de Canterville nicht das Gespenst, das man erwartet. Er ist ein Mensch, der ein Unrecht beging, der dafür büßte und der – nach dreihundert Jahren – endlich Frieden findet. Durch ein fünfzehnjähriges amerikanisches Mädchen, das ihm glaubt.
Zwischen Namen und Ruf
| ✅ Postives | ❌ Grenzen |
|---|---|
| Wilde gibt dem Gespenst einen konkreten Namen und eine Geschichte – das macht Sir Simon zu einer der menschlichsten Geisterfiguren der Literatur | Seine komödiantischen Auftritte lenken zunächst von der Tragik seiner Figur ab |
| Drei Jahrhunderte Spukerfahrung und ein präzises Kostümrepertoire machen ihn zu einem skurrilen, liebenswürdigen Charakter | Sein Verbrechen – der Mord an seiner Frau – bleibt moralisch schwer, auch wenn Wilde es komödiantisch einbettet |
| Seine Transformation von der Schreckfigur zur erlösungssuchenden Gestalt ist eine der elegantesten Charakterentwicklungen der viktorianischen Prosa | In Verfilmungen und Adaptionen wird er oft auf den Witz reduziert und seine Tiefe geht verloren |
Sir Simon de Canterville – das ist kein Name, den man vergisst. Wilde hat ihm damit eine Würde gegeben, die viele Geisterfiguren nicht haben. Er ist nicht das Böse, das man vertreibt. Er ist jemand, der wartete. Und schließlich gehört wurde.
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