Oscar Wilde war ein Meister des präzisen Satzes. In „Das Gespenst von Canterville“ von 1887 steckt jedes Zitat voller Ironie, Witz und – gegen Ende – echter Tiefe. Da das Werk seit Jahrzehnten gemeinfrei ist, können die schönsten Stellen hier direkt im Original zitiert werden.
Eines vorab: Viele im Internet kursierenden „Canterville-Zitate“ sind frei erfunden und stammen nicht von Wilde. Dieser Artikel enthält ausschließlich Zitate, die tatsächlich im Werk stehen.
Der berühmte erste Satz
Der Eröffnungssatz der Erzählung ist einer der stärksten Anfänge in Wildes Prosawerk – trocken, witzig und sofort im Thema:
„Als Mr. Hiram B. Otis, der amerikanische Gesandte, Canterville Chase kaufte, sagte ihm jeder, das sei sehr töricht gehandelt, weil es keinen Zweifel darüber gäbe, dass dort ein Gespenst umgehe.“
In einem einzigen Satz ist die gesamte Anlage der Erzählung skizziert: Ein Amerikaner, der sich von englischen Konventionen nicht beeindrucken lässt. Das Übernatürliche als gesellschaftliche Überzeugung, nicht als Tatsache. Und der erste Hinweis, dass hier jemand Dinge anders sieht als alle anderen.
Wilde über England und Amerika
Die Satire auf den transatlantischen Kulturkonflikt kommt schon früh auf den Punkt. Lord Canterville warnt Mr. Otis, das Gespenst sei seit 1584 bekannt und erscheine stets vor dem Tod eines Familienmitglieds. Mr. Otis antwortet unbeeindruckt:
„My Lord, ich übernehme die Einrichtung und das Gespenst zum Taxpreis.“
Und wenig später, als das Gespräch auf die kulturellen Unterschiede kommt, formuliert Wilde einen seiner berühmtesten Sätze aus dem Werk:
„Wir Engländer haben nahezu alles mit Amerika gemeinsam, außer natürlich die Sprache.“
Diese Bemerkung sitzt. Sie ist witzig – aber auch präzise. Wilde selbst, als Ire, blickte auf beide Kulturen von außen.
Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=nWkDxRLRvIU
Sir Simon – der Künstler des Schreckens
Sir Simons Selbstverständnis als Geist ist das komischste Element der ersten Kapitel. Wilde beschreibt ihn als jemanden, der seinen Beruf mit echtem künstlerischem Ernst betreibt:
„Mit der schwärmerischen Selbstüberhebung des wahren Künstlers ging das Gespenst seine berühmtesten Darstellungen durch.“
Und über seine Gewissenhaftigkeit im Übernatürlichen:
„Gewiss hatte es ein sehr arges Leben geführt, doch andererseits war es in allen Dingen, die mit dem Übernatürlichen zusammenhingen, ungemein gewissenhaft.“
Diese zwei Sätze sind das Herzstück von Wildes Komödie: Das Gespenst ist kein Monster, sondern ein Profi. Einer, der seinen Job ernst nimmt – und damit umso tragischer scheitert.
Das Plakat der Zwillinge
Die vielleicht witzigste Szene der Erzählung: Sir Simon begegnet in einem Gang einem anderen Gespenst – und erschrickt fürchterlich. Als er sich nähert, entpuppt es sich als Attrappe der Zwillinge, mit einem Plakat:
„Unfähig, diese wunderbare Veränderung zu begreifen, packte er mit wilder Hast das Plakat, und da las er im grauen Licht des Morgens die fürchterlichen Worte: DAS OTIS-GESPENST. Der einzig wahre und originale Spuk. Vor Nachahmung wird gewarnt. Alle anderen sind unecht.“
Wilde macht hier etwas Brillantes: Er wendet die Logik der modernen Warenwelt auf das Übernatürliche an. Das Gespenst ist nicht erschreckt, weil es ein anderes Gespenst sieht – sondern weil es durch Markenwerbung ersetzt wurde.
Virginia über die Kirche
Virginia Otis hat wenige direkte Zitate – aber das schönste gehört ihr. Im Gespräch mit Sir Simon sagt sie:
„Manchmal ist es sehr schwer, wach zu bleiben, besonders in der Kirche.“
Ein Satz, der auf den ersten Blick banal klingt – und auf den zweiten zeigt, dass Virginia denkt. Sie redet nicht mit Sir Simon über Gespenster oder Angst. Sie redet mit ihm wie mit einem Menschen. Das ist der Beginn ihrer echten Verbindung.
Die Prophezeiung am Fenster
Das poetischste Element der gesamten Erzählung ist die alte Inschrift in der Wappengalerie – die Bedingungen für Sir Simons Erlösung:
„Entringt ein Mägdlein voll Unschuld und Treu Sünderlippen Gebete der Reu, Steht der dürre Mandelbaum in Blüte, Vergießet ein Kindlein Tränen der Güte, Dann wird es im ganzen Hause still, Und Friede zieht ein in Canterville.“
Diese Prophezeiung ist der Schlüssel des gesamten Werks. Sie verbindet die Komödie der ersten Kapitel mit der Erlösungsgeschichte der letzten. Und sie ist das einzige Element, das Wilde ohne jede Ironie schreibt – als echtes Versprechen.
Sir Simons Rede über den Tod
Das tiefste Zitat der gesamten Erzählung stammt aus dem Gespräch zwischen Sir Simon und Virginia, kurz bevor sie mit ihm in das Zimmer geht:
„Ja, des Todes. Tod muss so schön sein. In der weichen braunen Erde liegen, während über unserm Kopf das Gras wogt, und der Stille lauschen. Kein Gestern haben und kein Morgen. Die Zeit vergessen, dem Leben verzeihen, in Frieden sein. Sie können mir helfen. Sie können mir die Pforten zum Haus des Todes öffnen, denn an Ihrer Seite ist stets die Liebe, und die Liebe ist stärker als der Tod.“
Dieser Monolog ist der Moment, in dem Wilde alle Ironie ablegt. Sir Simon spricht über den Tod nicht als Strafe, sondern als Sehnsucht – nach Ruhe, nach Stille, nach dem Ende von dreihundert Jahren rastloser Schuld. Es ist einer der schönsten Todes-Monologe der englischen Literatur.
Was die Zitate über Wilde sagen
- Der Eröffnungssatz – etabliert in einem Satz die gesamte Konstellation: pragmatischer Amerikaner gegen abergläubisches England. Meisterhaft komprimiert.
- Die Sprachen-Bemerkung – Wildes trockenstes Bonmot aus dem Werk. Wird bis heute zitiert, weit über den Kontext der Erzählung hinaus.
- Sir Simons Künstlerstolz – das komische Herz der Geschichte. Ein Gespenst als Perfektionist – das dreht das Genre auf den Kopf.
- Das Otis-Gespenst-Plakat – Wildes schärfste Satire: die Logik der Warenwelt trifft das Übernatürliche.
- Die Prophezeiung – der einzige Moment ohne Ironie. Ein echtes Versprechen in einem Werk voller Spott.
- Sir Simons Todesrede – das tiefste Zitat. Wilde zeigt, dass hinter dem komischen Gespenst ein Mensch mit echter Sehnsucht steckt.
Zwischen Witz und Weisheit – was bleibt
| ✅ Postives | ❌ Grenzen |
|---|---|
| Die Zitate aus dem Werk zeigen Wildes einzigartige Fähigkeit, Komödie und Tiefe im selben Satz zu verbinden | Viele im Internet kursierenden „Canterville-Zitate“ sind frei erfunden – Vorsicht bei unverifizierten Quellen |
| Da das Werk gemeinfrei ist, dürfen alle Zitate frei und vollständig verwendet werden | Einzelne Zitate aus dem Kontext gerissen verlieren manchmal ihre eigentliche Wirkung |
| Sir Simons Todesmonolog gehört zu den schönsten Prosa-Zitaten der englischen Literatur des 19. Jahrhunderts | Die Ironie der frühen Kapitel und die Ernsthaftigkeit der späten klingen in Zitaten sehr unterschiedlich – als kämen sie aus zwei verschiedenen Werken |
Wer das Werk kennt, weiß: Die besten Zitate sind nicht die, die man auf Postkarten findet. Sie sind die, die man erst beim zweiten Lesen wirklich versteht. Wie Sir Simons Satz über den Tod. Oder Virginias Bemerkung über die Kirche. Klein, präzise, unvergesslich.
Mehr zum Gespenst von Canterville
- Das Gespenst von Canterville – Überblick und Analyse
- Wie heißt das Gespenst von Canterville?
- Virginia Otis im Gespenst von Canterville
- Die Geschichte des Geistes von Canterville
- Zusammenfassung vom Gespenst von Canterville
- Gespenst von Canterville – alle Figuren
- Das Gespenst von Canterville – die Verfilmungen




