Es gibt Geistergeschichten, die erschrecken wollen. Und es gibt Geistergeschichten, die das Erschrecken selbst auslachen. Oscar Wildes „Das Gespenst von Canterville“ von 1887 gehört zur zweiten Sorte – und ist dadurch zu einem der klügsten, witzigsten und gleichzeitig berührendsten Werke der englischen Literatur geworden. Eine Geschichte, in der das Gespenst Mitleid verdient und die amerikanische Familie der eigentliche Schrecken ist.
Wilde veröffentlichte die Erzählung zunächst in zwei Teilen im Magazin „The Court and Society Review“ im Jahr 1887, bevor sie 1891 als Teil seiner Sammlung „Lord Arthur Savile’s Crime and Other Stories“ erschien. Auf den ersten Blick ist sie eine Parodie des viktorianischen Geistergeschichten-Genres. Auf den zweiten Blick ist sie eine scharfe Satire auf den transatlantischen Kulturkonflikt zwischen alter Welt und neuer. Und auf den dritten Blick ist sie eine stille, bewegende Geschichte über Schuld, Vergebung und die Sehnsucht nach Ruhe.
Die Handlung – kurz zusammengefasst
Die amerikanische Familie Otis kauft Canterville Chase, ein altes englisches Anwesen, obwohl sie gewarnt wird, dass es heimgesucht wird. Der Vater, Hiram B. Otis, ein amerikanischer Botschafter, winkt ab: Er glaubt nicht an Gespenster. Als das Gespenst – Sir Simon de Canterville, der seit 1584 in den Gängen umhergeistert – bei Nacht erscheint, bietet ihm die Familie statt Angst Fleckenentferner für den alten Blutfleck im Kamin an und schmiert die quietschenden Türangeln. Die Zwillingssöhne beschießen ihn mit Erbsen.
Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=3mtI1Su0vY4
Sir Simon, der in drei Jahrhunderten jeden erschreckt hat, steht vor einer Situation, die er sich nie vorstellen konnte: Menschen, die ihn schlicht ignorieren. Seine aufwändig inszenierten Erscheinungen werden von der Familie pragmatisch kommentiert, seine Kostüme verspottet, seine Geräusche übertönt. Das Gespenst, einst mächtig und gefürchtet, ist nun erschöpft, gedemütigt und – bemitleidenswert.
Nur Virginia, die junge Tochter der Familie, begegnet ihm anders. Sie sieht den alten Geist nicht als Kuriosität, sondern als ein Wesen, das leidet. Und sie ist es, die am Ende den Schlüssel zu seiner Erlösung findet.
Sir Simon – das bemitleidenswerteste Gespenst der Literatur
Was Wilde mit der Figur des Sir Simon vollbringt, ist literarisch bemerkenswert: Er dreht die Sympathieachse des Genres komplett um. Das Gespenst ist nicht der Schrecken – es ist das Opfer. Seit 300 Jahren übt es seinen Dienst aus, schreckt Bewohner, inszeniert furchterregende Auftritte, pflegt sein Repertoire an Verwandlungen. Und nun, im Jahr 1887, trifft es auf eine amerikanische Familie, die mit allem konfrontiert ist, was das 19. Jahrhundert an Rationalismus, Pragmatismus und Selbstsicherheit zu bieten hat – und die sich von nichts erschrecken lässt.
„Ich habe noch nie zuvor Schmerzen gelitten, aber ich weiß, dass ich sterben werde.“ – Sir Simon im Gespräch mit Virginia (Oscar Wilde, Das Gespenst von Canterville)
Sir Simons Erschöpfung ist keine Komödie mehr. Wilde verwandelt ihn langsam von einer Komödienfigur zur tragischen Gestalt: ein Wesen, das büßt, das nicht ruhen kann, das auf Erlösung wartet und nicht weiß, wie er darum bitten soll.
- Der Blutrote Benedikt von Bamwick – eine seiner aufwändigsten Erscheinungsformen, die die Familie Otis mit einem kleinen Kommentar über die Modefarbe des Jahres quittiert.
- Der Geist des Fürsten Iorwerth – historisches Kostüm, akribisch ausgewählt. Von den Zwillingen mit einem Wasserstrahl begossen.
- Der Stumme Daniel oder der Selbstmörder der Sutherland Avenue – Sir Simons letzter verzweifelter Versuch einer beeindruckenden Erscheinung, der kläglich scheitert.
Oscar Wilde beschreibt Sir Simon de Canterville in verschiedenen Erscheinungsformen – das ist ja gerade sein Markenzeichen als Gespenst. Seine Grundgestalt ist die eines alten, hageren Mannes in mittelalterlicher Kleidung, mit einem grauen Bart und zotteligen Haaren. Dazu kommen seine selbst entwickelten Kostüme für besondere Auftritte:
Seine Grundgestalt – alt, abgezehrt, in rostenden Ketten, die er durch die Flure schleppt. Er trägt ein schmutziges Wams und hat hohle, feurige Augen.
Seine Verwandlungen – er beschreibt sie selbst mit einigem Stolz:
- „Rupert der Unerschrockene“ – mit Blut bedeckt und Keulen schwingend
- „Der Blutrote Benedikt von Bamwick“ – in rotem Blut getränkt, besonders eindrucksvoll
- „Der Geist des Fürsten Iorwerth“ – in historischer Adelstracht
- „Der Stumme Daniel“ – mit eigens zusammengestellten Requisiten
- „Der Vampir“ – im Umhang
Am Ende der Erzählung, wenn er erschöpft und geschwächt in der Wappengalerie sitzt, beschreibt Wilde ihn als fast körperlos wirkend – ein Schatten seiner selbst, bleich, klein und müde. Der Kontrast zu seinen früheren prächtigen Auftritten ist bewusst gesetzt.
Der kulturelle Konflikt – Amerika trifft England
Wilde, der selbst Ire war und das englische Establishment mit einer Mischung aus Bewunderung und scharfer Ironie beobachtete, nutzt den Kulturkonflikt zwischen Amerika und England als zentrales komisches Motiv. Die Otis-Familie steht für alles, was das junge Amerika zu verkörpern glaubte: Pragmatismus, Fortschrittsglauben, Gleichheit, Skepsis gegenüber Traditionen.
Gegen diesen Pragmatismus wirkt die ehrwürdige englische Geistertradition hilflos komisch. Wilde lacht dabei über beide Seiten: über die naive Selbstsicherheit der Amerikaner, die für übernatürliche Phänomene sofort eine Patenttinktur anbieten – und über die englische Aristokratie, die sich einbildet, ihre Vergangenheit sei für alle Welt von Bedeutung.

Virginia und die Tiefe des Werks
Wäre die Erzählung nur eine Satire, sie wäre gut. Was sie zu einem kleinen Meisterwerk macht, ist Virginia. Das junge Mädchen, anders als ihre Familie, reagiert auf Sir Simon nicht mit Spott, sondern mit Empathie. Sie versteht, dass hinter dem Gespenst ein Mensch steckt – einer, der Schreckliches getan hat, der dafür büßt und der sich nach Vergeben sehnt.
Das Gespräch zwischen Virginia und dem Gespenst gehört zu den stillen Höhepunkten der englischen Prosa des 19. Jahrhunderts – zärtlich, ein wenig surreal und von einer echten moralischen Ernsthaftigkeit, die dem ganzen Werk seinen Grund gibt.
Virginia bringt das Gespenst zum Schlafen – zur echten Ruhe, zum Ende seiner Wanderschaft. Und Wilde lässt sie danach sagen, sie werde nie verraten, was in dem Zimmer geschah. Das Geheimnis bleibt. Es ist einer der selteneren Momente in Wildes Werk, wo er die Ironie fallen lässt und einfach berührt.
Adaptionen – vom Stummfilm bis heute
Die Geschichte ist so vielschichtig, dass sie immer wieder neu verfilmt und adaptiert wurde – jede Version mit anderem Schwerpunkt:
- Verfilmung 1944 mit Charles Laughton als Sir Simon – grotesk-komödiantisch, Schwarzweißfilm
- Fernseh-Adaption 1986 mit John Gielgud – eleganter, melancholischer Ton
- Verfilmung 1996 mit Patrick Stewart – familienfreundlich, warmherzig
- Animationsfilm 2023 – moderne Fassung für jüngeres Publikum
Auch als Theaterstück wurde der Stoff vielfach bearbeitet. Die Kombination aus klar definierten Charakteren, bühnengerechten Situationskomödien und der ruhigen Tiefe des Schlusses macht ihn ideal für die Bühne.
Zwischen Gelächter und Mitgefühl
| ✅ Postives | ❌ Grenzen |
|---|---|
| Wilde gelingt die seltene Verbindung aus brillanter Situationskomödie und echter emotionaler Tiefe | Wer nur die Komödie sucht, verpasst leicht die melancholische Seele des Werks |
| Die Satire auf den englisch-amerikanischen Kulturkonflikt ist so präzise, dass sie 135 Jahre später noch funktioniert | Manche Anspielungen auf viktorianische Gesellschaftskonventionen erschließen sich heutigen Lesern ohne Vorwissen kaum |
| Virginia als Figur ist eine der wenigen wirklich tugendhaften Wilde-Charaktere – und trotzdem keine Karikatur | Die Nebencharaktere der Familie Otis bleiben bewusst flach – was zur Satire passt, aber Tiefe kostet |
Oscar Wilde hat mit dieser Geschichte etwas Ungewöhnliches geleistet: Er hat ein Gespenst so menschlich gemacht, dass man am Ende für es weint – nicht aus Angst, sondern aus Mitgefühl. Das ist die eigentliche Pointe. Nicht der Witz macht die Geschichte unvergesslich, sondern das Herz dahinter.
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- Virginia Otis im Gespenst von Canterville
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