Er schuf die Berge. Nicht alle – die Schöpfung war Gemeinschaftswerk aller Valar – aber das Handwerk, die Substanz, die Metalle und Steine der Welt: Das ist Aulës Bereich. Er ist der Schmied unter den Valar, der Handwerker, der Konstrukteur. Was Manwë in der Luft ist und Ulmo im Wasser, das ist Aulë in der Erde.
Aber Aulë ist mehr als ein Handwerker. Er ist der Valar, der am tiefsten in die Frage hineingeht, was es bedeutet, etwas zu erschaffen – und der dabei einmal an eine Grenze stieß, die selbst für einen Valar gefährlich war.
Wer ist Aulë?
Aulë ist einer der acht Aratar – der mächtigsten Valar. Sein Bereich ist alles, was mit der Substanz der Welt zu tun hat: Stein, Metall, Mineralien, das Innere der Erde. Er formte Berge und Täler, schuf die Werkzeuge und Techniken, die die Elben später in ihrer Handwerkskunst verwendeten, und ist der Valar, dem man das Wissen über Bergbau, Metallurgie und Architektur in Mittelerde letztlich zurückverfolgen kann.
Seine Gemahlin ist Yavanna – die Hüterin der Natur, der Pflanzen und Tiere. Sie bilden ein Paar aus gegensätzlichen, sich ergänzenden Kräften: Aulë formt die tote Materie, Yavanna erweckt das Leben. Ohne die Erde, die Aulë schuf, hätte Yavanna nichts zu bepflanzen. Ohne Yavannas Gaben wäre Aulës Welt eine stumme Gesteinswüste. Tolkien erzählt in einer der schönsten Szenen des Silmarillion, wie Yavanna nach Aulës Erschaffung der Zwerge besorgt fragt, wer ihre Bäume schützen soll – und Manwë antwortet, dass dafür die Adler bestimmt sind. Und die Ents.

Die Erschaffung der Zwerge – Aulës größter Fehler und seine Vergebung
Das ist die Geschichte, die Aulë von allen anderen Valar unterscheidet. Sie ist im Silmarillion erzählt und gehört zu den theologisch tiefsten Momenten in Tolkiens gesamtem Werk.
Aulë wartete. Die Elben sollten Erus erste Geschöpfe sein, die Erstgeborenen. Aber die Zeit zog sich hin – die Elben schliefen noch, die Welt war noch nicht bereit. Und Aulë, getrieben von seinem Schöpfungsdrang, von seiner Ungeduld, von seinem Wunsch, Wesen zu haben, denen er sein Wissen weitergeben konnte, schuf heimlich die Zwerge. Sieben Väter der Zwerge, in einer Kammer tief unter der Erde. Er lehrte sie Sprache. Er gab ihnen Gestalt.
Eru sah es. Natürlich sah er es – Aulë hatte vergessen, dass man nichts verbergen kann vor dem, der die Gedanken selbst erschuf. Eru konfrontierte Aulë direkt und fragte ihn, was er getan habe. Aulë brach ein. Er sagte, er wisse, dass er falsch gehandelt habe. Er wollte keine Herrschaft – er wollte nur jemanden, dem er etwas beibringen konnte. Er hob den Hammer, um die Zwerge zu vernichten.
In diesem Moment – in dem Moment, in dem Aulë bereit war, sein Werk zu zerstören – erweckte Eru die Zwerge. Er gab ihnen echtes Leben, echten Willen, echte Seelen. Weil Aulë nicht aus Hochmut gehandelt hatte, sondern aus Liebe. Weil er bereit war, seine Schöpfung aufzugeben. Das war der Unterschied zwischen ihm und Melkor.

Die Zwerge – Aulës Kinder
Die Zwerge nennen Aulë Mahal – „Schöpfer“. Er ist für sie, was Elbereth für die Elben ist: nicht nur ein Valar, sondern der Valar, der sie gemacht hat. Diese besondere Beziehung prägt die Zwerge tief. Ihre Obsession mit Handwerk, mit Metall, mit dem Inneren der Berge – das ist Aulës Wesen, das in ihnen nachhallt, auch wenn sie ihn nicht sehen und nicht mit ihm sprechen.
Tolkien beschreibt, dass die Zwerge nach ihrem Tod in Manwës Halle gehen – aber dann zu Aulë, der auf sie wartet. Sie sind nicht Elben und nicht Menschen. Ihre eschatologische Zukunft ist Aulës – was zeigt, wie tief die Bindung ist.
- Bereich: Erde, Stein, Metall, Mineralien, Handwerk, Bergbau, Architektur.
- Gemahlin: Yavanna – Hüterin der Natur. Gegenpol und Ergänzung: er formt die tote Materie, sie erweckt das Leben darin.
- Schöpfung: Die sieben Väter der Zwerge – erschaffen in Ungeduld, von Eru begnadigt und mit echtem Leben beschenkt.
- Bekannter Diener: Sauron – ursprünglich Aulës Maiar, in seiner Dienststelle der Geschickteste und Eifrigste. Von Morgoth verführt und korrumpiert.
- Zwergischer Name: Mahal – „der Schöpfer“. So nennen die Zwerge Aulë.
- Lehrmeister: Aulë lehrte die Elben viele Handwerke und Techniken – die noldorischen Schmiede lernten das Meiste von ihm oder von Maiar, die ihm dienten.
Sauron – Aulës gefallener Diener
Das ist die dunkelste Seite von Aulës Geschichte. Sauron – Mairon in seiner ursprünglichen Form – war Aulës Diener. Der begabteste, der eifrigste, der geschickteste. Er verstand Handwerk, Strukturen, Systeme besser als alle anderen. Und genau diese Fähigkeiten machten ihn für Morgoth interessant.
Melkor korrumpierte Sauron in Dienst, scheinbar schon früh in der Geschichte Mittelerdes. Der Schüler des großen Schmieds wurde zum Schmied des Bösen – zu dem Wesen, das die Ringe der Macht erschuf, um andere zu kontrollieren. Das Paradox liegt auf der Hand: Aulës Gaben – Präzision, Handwerk, das Verständnis für Systeme und Strukturen – wurden in Saurons Händen zu einem Werkzeug der Versklavung. Was Aulë erschaffen wollte, um zu schenken, wurde durch Sauron zum Mittel, um zu nehmen.

Aulës Wesen – der Unterschied zu Melkor
Tolkien stellt Aulë und Melkor als wichtige Gegensätze dar – nicht nur als Gut gegen Böse, sondern als zwei Arten des Schöpfens. Melkor wollte erschaffen, um zu herrschen, um sein Eigenes zu haben, um nicht Diener sein zu müssen. Aulë wollte erschaffen, um zu teilen – um Wissen weiterzugeben, um Wesen zu haben, denen er etwas beibringen konnte.
Der Moment mit den Zwergen macht das deutlich. Aulë schuf sie aus demselben Antrieb wie Melkor: aus Ungeduld, aus dem Wunsch, nicht auf Erus Zeit warten zu müssen. Aber als Eru ihn fragte, brach er nicht. Er gab es zu. Er war bereit, sein Werk zu zerstören. Dieser Unterschied – die Bereitschaft zur Demut, zur Aufgabe des eigenen Willens – ist der Unterschied zwischen einem Valar, der seiner Natur treu bleibt, und einem, der fällt.

Aulë im Herrn der Ringe – unsichtbar aber allgegenwärtig
Aulë tritt im Herrn der Ringe nicht persönlich auf. Kein Valar tut das im Dritten Zeitalter. Aber sein Einfluss ist überall. Die Minen von Moria – Khazad-dûm – sind Zwergenwerk, das ohne Aulës Gaben nicht existieren würde. Das Mithril, das Bilbo Frodo schenkt und das Frodo das Leben rettet, kommt aus Moria. Es ist Aulës Metall, geschmiedet von Aulës Kindern.
Und Sauron – der Antagonist des gesamten Werkes – ist sein gefallener Diener, dessen Fähigkeiten direkt aus Aulës Schule stammen. Der Eine Ring, mit dem alles beginnt und endet, wurde von jemandem geschmiedet, der von Aulë alles über das Schmieden gelernt hatte.

Aulë erschuf aus Liebe. Das ist sein Wesen. Und als Eru ihm sagte, dass er zu weit gegangen war, ließ er los. Nicht weil er musste – sondern weil er verstand, dass das Erschaffen kein Besitzen ist. Das unterscheidet den Schmied vom Tyrannen.
Mehr aus der Welt von Mittelerde
- Armee der Toten im Herr der Ringe
- Wer sind die Ringgeister in Herr der Ringe?
- Nazgûl im Herr der Ringe
- Hexenkönig von Angmar im Herr der Ringe
- Grablichter – die Grabunholde aus Herr der Ringe
- Die unsichtbare Geisterwelt im Herr der Ringe
- Geister von Maiar – Gandalf und Sauron
- Wraiths – Die Geistwesen aus dem Herr der Ringe
- Die Ainur im Herr der Ringe
- Valar in Herr der Ringe
- Aratar in der Mythologie von Tolkien
- Manwe – Herr der Lüfte
- Ulmo – Herr der Gewässer
- Oromë – Der große Jäger
- Varda – Die Sternenkönigin
- Melkor – der böse Aratar
- Yavanna – Herrin der Natur
- Nienna – Herrin von Mitleid und Hoffnung
- Mandos – Herr des Schicksals
- Der Balrog in Moria
- Balrogs – die Dämonen des Schreckens
