Er trägt keinen Namen. Zumindest keinen, den Tolkien in seinen Hauptwerken nennt. Er ist der Hexenkönig von Angmar – Anführer der neun Nazgûl, mächtigster der Ringgeister, einst ein König der Menschen und nun das gefürchtetste Werkzeug Saurons. Sein bloßer Schrei lähmt. Seine Anwesenheit verbreitet den Schwarzen Atem. Und eine Prophezeiung begleitet ihn durch das gesamte Dritte Zeitalter: Kein lebender Mann kann ihn töten.
Die Geschichte des Hexenkönigs ist eine der tragischsten in Tolkiens Mythologie – ein mächtiger Herrscher, der um Unsterblichkeit warb und dafür alles verlor, was ihn einst ausmachte.
Wer war der Hexenkönig – die Geschichte vor dem Fluch
Im Zweiten Zeitalter war der Hexenkönig ein mächtiger König der Menschen. Tolkien deutet an, dass er möglicherweise aus den Königen von Númenor stammte – jenem großen Inselreich, das durch Hochmut und Saurons Einfluss unterging. Als Sauron die neun Ringe der Macht an mächtige Männer verteilte, war er der Erste unter ihnen. Der Mächtigste. Der, dem der erste Ring gegeben wurde.
Was folgte, war der langsame Verfall, den alle neun durchmachten: Unsterblichkeit, aber auf Kosten des eigenen Selbst. Körper, die verblassten. Identität, die sich auflöste. Ein Wille, der nicht mehr der eigene war. Am Ende blieb nur noch Saurons Diener in Rüstung und schwarzem Umhang.
Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=RD_L7dwueAE

Das Reich Angmar – der Hexenkönig als Herrscher
Im Dritten Zeitalter errichtete der Hexenkönig ein eigenes Reich: Angmar, ein finsteres Königreich im Norden Mittelerdes, östlich der Nebelberge. Von dort aus führte er über Jahrhunderte Krieg gegen die nördlichen Reiche der Menschen – Arthedain, Cardolan und Rhudaur, die Nachfolgestaaten des alten Königreichs Arnor.
Es war ein langer, zermürbender Krieg. Angmar verwendete militärischen Druck, politische Spaltung und übernatürlichen Schrecken gleichermaßen. Am Ende fiel Fornost, die letzte Festung von Arthedain. Das nördliche Königreich der Menschen war vernichtet. Der Hexenkönig hatte gewonnen – aber der Sieg war kurzlebig. Die Flotten von Gondor und die Reiterei der Rohirrim unter Eärnur schlugen das Heer Angmars vernichtend. Der Hexenkönig floh – und verschwand für Jahrhunderte.
Der Hexenkönig als Anführer der Nazgûl
Nicht alle neun Ringgeister sind gleich. Der Hexenkönig steht an der Spitze – mächtiger als die anderen acht, direkter mit Saurons Willen verbunden. Er koordiniert die Jagd auf Frodo und den Einen Ring, er führt das Heer Mordors in der entscheidenden Belagerung von Minas Tirith, und er ist der Einzige, der die anderen Nazgûl als echter Befehlshaber führt – kein bloßer Executor, sondern ein strategisch handelnder Anführer.
Seine Macht geht über bloße körperliche Stärke hinaus. Der Hexenkönig verbreitet den Schwarzen Atem – jenen lähmenden Einfluss, der Männer in Bewusstlosigkeit treibt und ihren Willen bricht. Auf Weathertop verletzt er Frodo mit einem Morgulklingen-Dolch, dessen Gift Splitter in der Wunde hinterlässt, die sich zum Herzen vorarbeiten. Elrond muss operieren.

Die Prophezeiung – kein lebender Mann
Eine der berühmtesten Prophezeiungen Tolkiens begleitet den Hexenkönig: Der Seher Glorfindel sagte voraus, dass er nicht durch die Hand eines Mannes fallen würde. Tolkien liebt solche Prophezeiungen, die sich im wörtlichen Sinne erfüllen – und hier tut er es auf eine Art, die literarisch brillant ist.
In der Schlacht auf den Pelennor-Feldern – dem größten militärischen Zusammenstoß des Dritten Zeitalters – tötet der Hexenkönig König Théoden. Er steht unbesiegbar da. Bis Éowyn, Théodens Nichte, ihren Helm abnimmt und ihm entgegenhält, dass sie keine Mann ist. Merry sticht ihm mit einem besonderen Dolch in die Kniekehle – einer Klinge, die speziell gegen Ringgeister gewirkt hat – und Éowyn trifft ihn tödlich.
- Anführer der Neun: Der mächtigste der Nazgûl, erster Träger eines der neun Ringe der Macht.
- Reich Angmar: Erbaute und regierte das Königreich Angmar im Norden Mittelerdes, von dem aus er die nördlichen Reiche der Menschen vernichtete.
- Schwarzer Atem: Sein Einfluss verbreitet Lähmung, Hoffnungslosigkeit und Bewusstlosigkeit – Faramir und Éowyn fallen ihm in der Pelennor-Schlacht zum Opfer.
- Prophezeiung: Kein lebender Mann kann ihn töten – erfüllt durch Éowyn (eine Frau) und Merry (ein Hobbit), die gemeinsam seinen Fall herbeiführen.
- Tod: Auf den Pelennor-Feldern durch Éowyn und Merry besiegt – der dramatischste individuelle Kampf der gesamten Trilogie.
Der Hexenkönig in der Filmtrilogie
Peter Jacksons Verfilmung gibt dem Hexenkönig eine imposante visuelle Präsenz, die Tolkiens Andeutungen konkretisiert. Lawrence Makoare spielte die Figur in Kostüm und Bewegung, die Stimme sprach Andy Serkis (nicht im Abspann). In Der Rückkehr des Königs ist er als Kommandant des Heeres von Mordor zu sehen, auf einem geflügelten Wesen reitend, das Tolkien nie genau beschrieben hat – Jacksons Entscheidung für eine drachenähnliche Kreatur ist eine künstlerische Freiheit.
Die Szene zwischen Éowyn und dem Hexenkönig ist im Film einer der stärksten Momente: kurz, scharf, emotional. Der Moment, in dem Éowyn ihren Helm abnimmt, ist einer der bestinszenierten der gesamten Trilogie.

Buch und Film – die wichtigsten Unterschiede
- Weathertop: Im Buch ist die Begegnung auf Weathertop atmosphärisch beschrieben, aber weniger direkt als im Film. Frodo setzt den Ring auf und sieht die Nazgûl als Könige in Rüstungen – mächtige Wesen, keine bloßen Schatten.
- Minas Morgul: Im Buch ist Minas Morgul – das alte Minas Ithil, eingenommen vom Hexenkönig – eine Stadt, die buchstäblich bösartig aussieht: grün leuchtend, verrottend, von innen heraus krank. Der Film zeigt das visuell überzeugend.
- Pelennor-Szene: Im Buch ist Meriadoc Brandybock’s Stich mit der Klinge entscheidend – eine besondere Waffe aus dem Hügellande, die speziell gegen Ringgeister wirkt. Im Film wird das etwas vereinfacht, bleibt aber dramaturgisch intakt.
- Das geflügelte Reittier: Tolkien beschreibt es nicht genau. Jackson entschied sich für eine drachenähnliche Fellbestie – eine kreative Freiheit, die im Film gut funktioniert.

Was den Hexenkönig so wirkungsvoll macht
| ✅ Postives | ❌ Grenzen |
|---|---|
| Die namenlose Anonymität des Hexenkönigs macht ihn bedrohlicher als jeder benannte Antagonist – er ist eine Funktion des Bösen, keine Person | Gerade weil er so anonym ist, hat er wenig emotionale Tiefe – als Figur fasziniert er, als Charakter bleibt er flach |
| Die Prophezeiung und ihre wörtliche Erfüllung durch Éowyn ist eines der literarisch stärksten Momente Tolkiens – klassische Tragödie in Fantasy-Form | Sein Ende kommt im Verhältnis zu seiner jahrzehntelangen Präsenz in der Geschichte sehr abrupt |
| Als historische Figur – Erbauer von Angmar, Vernichter der nördlichen Reiche – hat er eine Tiefe, die weit über seinen Auftritt in den Filmen hinausgeht | Diese historische Tiefe erschließt sich nur durch Lektüre der Appendizes und des Silmarillion – im Film und im Haupttext bleibt sie größtenteils verborgen |
Er hat keinen Namen. Er braucht keinen. Der Hexenkönig von Angmar ist das, was übrig bleibt, wenn Macht alles andere ausgelöscht hat – und Tolkien zeigt damit genau das, wovor er in seinem gesamten Werk warnt.
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