Sie schuf das Grün. Nicht nur Gras und Blumen – die gesamte lebendige Welt Mittelerdes trägt ihre Handschrift. Yavanna, Gemahlin Aulës, ist die Hüterin aller Pflanzen, Früchte und Tiere – die Valar, ohne die Mittelerde eine Gesteinswüste wäre. Aulë formte die tote Materie. Yavanna erweckte das Leben darin.
Aber ihre größte Schöpfung sind nicht die Wälder oder die Felder. Es sind die Zwei Bäume von Valinor – Telperion und Laurelin – jene silberne und goldene Lichtquelle, die das Erste Zeitalter erhellte und deren Licht noch heute in den Sternen, im Mond und in der Sonne nachlebt. Oder genauer gesagt: in Galadriels Phiäle, in Eärendils Stern, in dem Silmaril, den Beren und Lúthien um den Preis ihres Lebens aus Morgoths Krone schnitten.
Wer ist Yavanna?
Yavanna ist eine der acht Aratar – der mächtigsten Valar. Ihr Bereich ist alles Lebendige: Pflanzen, Früchte, Bäume, Tiere, die Fruchtbarkeit der Erde. Sie ist nicht die Herrin der Erde im geologischen Sinne – das ist Aulë, ihr Gemahl. Sie ist die Herrin des Lebens, das aus der Erde wächst.
In Tolkiens Mythologie wird Yavanna manchmal in einer riesenhaften Form beschrieben – als eine Frau, die so groß ist wie ein Baum, deren Haare wie Schleier aus grünem Licht in den Wind fallen. Aber das ist ihre Festform, die sie selten annimmt. Meistens wirkt sie unsichtbar, durch das Wachsen der Dinge selbst.

Die Zwei Bäume von Valinor – Yavannas größte Schöpfung
Bevor Sonne und Mond existierten, leuchteten die Zwei Bäume. Yavanna erschuf sie auf dem Hügel Ezellohar vor den Toren Valmars: Telperion, den silbernen Baum, dessen Licht wie Mondlicht war, und Laurelin, den goldenen Baum, der wie Sonnenlicht strahlte. Sie wechselten sich ab in einem zwölf-stündigen Rhythmus, und die Stunden ihres gemeinsamen Dämmerscheins galten als die schönsten der Welt.
Diese Bäume waren nicht nur Lichtquellen. Sie waren der Ursprung aller echten Schönheit, die das Erste Zeitalter kannte. Aus ihrem Licht wurden die Silmarils geschmiedet – Fëanors unvergleichliche Edelsteine, für die er alles opferte und um die das Erste Zeitalter in Blut und Feuer unterging. Morgoth und Ungoliant zerstörten die Bäume. Ihre letzten Früchte wurden zu Mond und Sonne. Und das letzte Licht der Bäume, das Fëanor in den Silmarils eingefangen hatte, wurde zu dem, um das der Herrn der Ringe – weit, weit später – kreist: Eärendils Stern, Galadriels Phiäle, das Licht, das Shelob zurücktreibt.

Yavanna und Aulë – ein Paar aus Gegensätzen
Aulë schuf die Zwerge. Das weiß jeder, der die Geschichte kennt. Aber was weniger bekannt ist: Yavannas Reaktion darauf war eine der dramatischsten Szenen des Silmarillions. Als sie erfuhr, was Aulë getan hatte – heimlich, ohne Erus Wissen –, war sie nicht nur besorgt um die Zwerge. Sie war besorgt um ihre eigenen Schöpfungen. Wer, fragte sie, wird meine Bäume schützen, wenn diese neuen Wesen kommen und Holz fällen und Steine graben?
Sie ging zu Manwë. Sie bat ihn, ihr Werk zu schützen. Und Manwë antwortete – mit einer Aussage, die eine der poetischsten des gesamten Silmarillions ist: Aus Erus Gedanken kamen die Adler, um über die Berge zu wachen. Und die Ents – Baumhirten – entstanden aus Yavannas Bitte heraus, nicht als ihre direkten Schöpfungen, sondern als Erus Antwort darauf. Eru gab ihnen das Leben. Aber der Gedanke war Yavannas.
- Titel: Kementári – „Königin der Erde“. Eine der acht Aratar.
- Gemahl: Aulë – der Schmied der Valar. Gegenpol und Ergänzung: er formt die tote Materie, sie erweckt das Leben darin.
- Größte Schöpfung: Die Zwei Bäume von Valinor – Telperion (silber) und Laurelin (gold). Ihre letzten Früchte wurden zu Mond und Sonne.
- Verbindung zum Herrn der Ringe: Das Licht der Zwei Bäume → Silmarils → Eärendils Stern → Galadriels Phiäle → Frodos Waffe gegen Shelob.
- Ents: Entstanden auf Yavannas Bitte hin – Eru gab ihnen das Leben, Yavanna hatte den Gedanken. Sie sind die Hüter der Wälder.
- Erscheinungsform: Manchmal als riesige, baumgleiche Frau beschrieben – meistens wirkt sie unsichtbar, durch das Wachsen der Dinge selbst.

Die Ents – Yavannas Antwort auf die Zwerge
Fangorn, der Wald. Treebeard, der Älteste der Ents. Die langsamen, gewaltigen Baumhirten, die in Die zwei Türme Isengart zerstören. Das ist Yavannas Erbe im Herrn der Ringe – nicht als Handelnde, sondern als Ursprung.
Die Ents sind Erus Geschöpfe, die auf Yavannas Wunsch entstanden. Sie denken langsam. Sie entscheiden sich langsam. Aber wenn sie entschieden haben, ist nichts aufzuhalten. Tolkien gab den Ents etwas Yavannas selbst: Tiefe Verbundenheit mit dem Lebendigen, Schmerz über die Zerstörung der Wälder, den Willen zum Schutz des Wachsenden gegen die Maschinen des Bösen – gegen Saruman, der Bäume für seine Hochöfen fällt.
| ✅ Postives | ❌ Grenzen |
|---|---|
| Die Zwei Bäume sind Tolkiens poetischste Schöpfungsidee – und Yavannas größte Leistung, die als Licht-Kette das gesamte Werk durchzieht | Yavanna selbst tritt im Herrn der Ringe nicht persönlich auf – ihr Einfluss ist mittelbar, durch Ents, Wälder und das Licht der Phiäle |
| Die Szene, in der Yavanna Manwë um den Schutz ihrer Bäume bittet und damit die Ents und Adler als Antwort Erus entstehen lässt, ist literarisch außergewöhnlich | Ihre Beziehung zu Aulë – das interessanteste Spannungsfeld – wird im Silmarillion nur angedeutet, nie wirklich ausgeführt |
| Die Ents im Herrn der Ringe sind ihr lebendiges Vermächtnis – langsam, mächtig, und im entscheidenden Moment entschlossen | Tolkien gibt Yavanna weniger direktes Handeln als Manwë, Ulmo oder Aulë – sie wirkt eher als Prinzip denn als Figur |

Yavanna im Herrn der Ringe – unsichtbar, aber überall
Yavanna tritt im Herrn der Ringe nicht auf. Kein Valar tut das im Dritten Zeitalter. Aber ihre Präsenz ist in allem Lebendigen spürbar: in Lothlórien, dem Wald, der unter Galadriels Schutz steht. In Fangorn, dem ältesten Wald Mittelerdes. In den Ents, die Isengart zerstören. In dem Licht der Phiäle, das über die Zwei Bäume zu Yavanna zurückführt.
Tolkien schrieb einmal, dass er in Yavanna etwas von der mittelalterlichen Idee der Natura verkörpert sah – der Natur als Prinzip, nicht als Ort. Eine Kraft, die nicht laut auftritt, sondern einfach wächst. Das ist Yavanna in Mittelerde: das stille Wachsen gegen die Stille des Bösen.

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