Wenn die Elben in der Dunkelheit kämpfen, kämpfen sie nicht allein. Sie rufen einen Namen – Elbereth, A Elbereth Gilthoniel – und damit rufen sie Varda. Die Herrin der Sterne, Gemahlin Manwës, die mächtigste der Valar in den Augen der Elben. Kein anderes Wesen in Tolkiens Mythologie wird von den Elben so tief verehrt wie sie. Und kein anderes Wesen fürchtet Sauron und Morgoth so sehr wie Varda.
Frodo ruft ihren Namen auf Weathertop. Sam ruft ihn in Cirith Ungol. Galadriel gibt Frodo ihre Phiäle – eine Flasche gefüllt mit dem Licht des Sterns Eärendil, der seinerseits vom Licht der Zwei Bäume Valinors stammt, die Varda erschuf. Das Licht Vardas zieht sich wie ein Faden durch die gesamte Trilogie – unsichtbar, aber immer da, immer wirkend.
Wer ist Varda?
Varda ist eine der acht Aratar – der mächtigsten unter den vierzehn Valar. Sie ist Manwës Gemahlin und teilt seinen Thron auf Taniquetil, dem höchsten Berg der Welt. Ihr Bereich ist das Licht – Sterne, Sternbilder, das Licht am Himmel. Aber Varda ist nicht einfach eine Himmelsgöttin. Sie ist in Tolkiens Mythologie das Wesen, dessen Licht das Böse am direktesten bekämpft, ohne Schwert, ohne Kampf, ohne Wort.
Was Varda von den anderen Valar unterscheidet, ist die Natur ihrer Macht. Manwë ist klüger und regiert weiser. Ulmo ist aktiver und näher an der Welt. Tulkas ist stärker im Kampf. Aber keiner von ihnen löst in Morgoth – dem mächtigsten aller Ainur – dieselbe Furcht aus wie Varda. Tolkien schreibt im Silmarillion, dass Melkor alle Valar hasst, Manwë eingeschlossen. Aber Varda hasst und fürchtet er auf eine andere Weise, tiefer und persönlicher. Weil ihr Licht ihn trifft, wo er keine Verteidigung hat.
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Die Schöpfung der Sterne – Vardas größte Tat
Bevor Sonne und Mond existierten, gab es die Sterne. Tolkien beschreibt, wie Varda in der Zeit der Großen Dunkelheit – als Morgoth die Lampen der Valar zerstört hatte und die Welt in tiefster Finsternis lag – die Sterne neu entzündete und am Himmel ordnete. Sie schuf neue Sternbilder, entfachte das Licht von Sternen, die vorher schwach oder kaum sichtbar waren, und verwandelte den Nachthimmel in etwas, das über die bloße Abwesenheit von Dunkelheit hinausging. Der Himmel wurde zu einem Kunstwerk – zu einer Landkarte aus Licht, die das Antlitz der Welt von oben neu zeichnete.
Dieser Akt hatte eine Konsequenz, die Varda nicht planen konnte: Die Elben erwachten genau in diesem Moment. Irgendwo im fernen Osten Mittelerdes, am stillen Ufer des Sees Cuiviénen, öffneten die ersten Elben ihre Augen – und das Erste, was sie sahen, war Vardas Sternenhimmel. Kein Sonnenlicht, keine Valar in ihrer Macht, kein Donner der Schöpfung. Nur der stille, leuchtende Himmel, den Varda für die Welt bereitet hatte. Deshalb nennen die Elben Varda Elbereth Gilthoniel – die, die Sterne entzündete – mit einer Tiefe der Verehrung, die kein anderer Valar bei ihnen auslöst. Sie war das Erste, was sie von der Welt jenseits ihres Sees wussten, ohne es zu wissen.

Elbereth – Vardas Name bei den Elben und im Herrn der Ringe
Der Name Elbereth ist nicht nur ein Beiname – er ist der Name, unter dem Varda in Mittelerde lebt und wirkt, zumindest in der Wahrnehmung der Elben und derer, die von ihnen gelernt haben. Im Herrn der Ringe erscheint er immer in Momenten höchster Not, wenn keine andere Hilfe mehr möglich scheint und der Aufruf nach etwas Größerem der einzige Ausweg ist. Frodo ruft ihn auf Weathertop, als der Hexenkönig ihn mit dem Morgulklingen-Dolch verletzt und die anderen Nazgûl näherkommen. Sam ruft ihn in Cirith Ungol an, allein in der Dunkelheit, umzingelt von Orks, in dem Moment, in dem er nicht mehr weiß, ob Frodo noch lebt. Die Elben in Bruchtal singen von ihr in dem Abendlied, das die Gefährten bei ihrer Ankunft hören.
Diese Aufrufe sind in Tolkiens Welt keine bloßen emotionalen Ausrufe. Sie haben Wirkung – nicht weil Varda direkt eingreift oder erscheint, sondern weil ihr Licht bereits in der Welt ist. In den Sternen am Himmel. In Galadriels Phiäle. In dem instinktiven Schrecken, den ihr Name im Bösen auslöst. Tolkien baut das sehr sorgfältig auf: Varda ist nicht anwesend im Handlungssinne, aber präsent im spirituellen Sinne – das Gegenteil von Saurons Auge, das aktiv sucht, überwacht und zerstört. Vardas Licht ist still und unveränderlich und gerade deshalb unbesiegbar.

Die Phiäle Galadriels – Vardas Licht in Frodos Hand
Eines der wichtigsten Objekte im Herrn der Ringe ist Galadriels Phiäle – eine kleine Kristallflasche, gefüllt mit dem Licht des Sterns Eärendil. Dieser Stern ist kein gewöhnlicher Stern: Eärendil trägt einen Silmaril – einen der heiligen Edelsteine aus dem Ersten Zeitalter, in denen das ursprüngliche Licht der Zwei Bäume Valinors eingefangen ist. Diese Zwei Bäume, Telperion und Laurelin, wurden von Yavanna erschaffen – aber ihr Licht wurde von Varda gesammelt und in die Welt gebracht. Das Licht in der Phiäle ist damit eine Art Kette durch die Zeitalter: Galadriels Phiäle trägt das Licht von Eärendils Stern, der einen Silmaril trägt, der das Licht der Zwei Bäume enthält, das Varda einst für die Welt bereitet hat.
Wenn Frodo und Sam die Phiäle gegen Shelob halten – die riesige Spinne im Tunnel von Cirith Ungol – und das Licht die Kreatur zurücktreibt, dann ist das Vardas Licht, das das Böse abwehrt. Tolkien spricht das nicht laut aus, aber er zieht die Linie bewusst. Das Licht, das am Anfang der Welt war, kämpft am Ende des Dritten Zeitalters in den Händen eines Hobbits.
- Quenya-Namen: Varda (die Erhabene), Elentári (Königin der Sterne). Beide betonen ihre Stellung als höchste Herrin des Lichts und der Sterne.
- Sindarin-Namen: Elbereth (Sternenlady), Gilthoniel (die, die Sterne entzündete). Diese Namen rufen die Elben im Gebet und im Kampf an.
- Gemahl: Manwë – oberster der Valar, Fürst der Lüfte. Beide ergänzen sich: durch Varda schärft sich Manwës Sehen, durch Manwë vertieft sich Vardas Hören. Gemeinsam sind sie mächtiger als allein.
- Besonderheit: Wird von Melkor und Sauron mehr gefürchtet als jeder andere Valar – weil ihr Licht das Böse direkt trifft und keine Verteidigung möglich ist.
- Verehrung: Von den Elben am tiefsten verehrt aller Valar. Ihr Name wird im Kampf und in der Hoffnungslosigkeit angerufen – sowohl von Elben als auch von Frodo und Sam.
- Licht-Kette: Vardas Schöpfungsakt → Licht der Zwei Bäume Valinors → Silmarils → Eärendils Stern → Galadriels Phiäle → Waffe gegen Shelob in Frodos Hand.
Varda und Manwë – wie sie sich ergänzen
Tolkien beschreibt das Verhältnis von Varda und Manwë auf eine Art, die selten in der Fantasy-Literatur ist: nicht als Hierarchie oder als Dominanz, sondern als echte gegenseitige Stärkung. Manwë sieht am weitesten und versteht Erus Willen tiefer als alle anderen – aber durch Varda sieht er noch klarer, noch weiter, noch tiefer in die Gedanken aller Wesen. Varda hört das Leiseste und fühlt die Stimmungen der Welt – aber durch Manwë hört sie mehr, als sie allein je könnte. Sie sind kein Paar im romantischen Sinne zuerst, sondern zwei Hälften einer Fähigkeit, die zusammen vollständiger ist als getrennt.
Das erklärt auch, warum die Elben Varda verehrter nennen als Manwë, obwohl Manwë der Fürst der Valar ist. Varda ist sichtbar – ihre Sterne sind jeden Abend am Himmel. Manwës Winde sind unsichtbar. Und das, was die Elben als erstes von der Welt sahen, war Vardas Licht. Diese Erstbegegnung sitzt tief – tiefer als jede spätere Erklärung, tiefer als jede theologische Einordnung. Elbereth ist für die Elben nicht eine Göttin unter vielen. Sie ist der Himmel selbst.

Warum Melkor Varda fürchtet
Tolkien gibt einen konkreten Grund dafür, dass Melkor – der mächtigste aller Ainur – Varda hasst und fürchtet mehr als jeden anderen: ihr Licht. Melkors gesamte Natur ist auf Schatten und Verderben ausgerichtet. Er zerstörte die Lampen der Welt. Er vergiftete gemeinsam mit Ungoliant die Zwei Bäume Valinors. Er verdunkelte, was er konnte, weil Dunkelheit sein Element ist – und weil er in der Dunkelheit stark ist.
Gegen Vardas Licht gibt es keine Verteidigung. Es ist nicht kämpfbar, nicht ablenkbar, nicht täuschbar. Melkor kann Manwës Urteile anfechten. Er kann die Valar manipulieren und belügen. Aber er kann das Licht nicht anlügen – und das Licht erkennt ihn. Tolkiens tiefste Aussage über Varda ist deshalb keine Aussage über ihre Macht, sondern über ihre Natur: Sie ist das Wesen, dessen bloße Existenz das Böse in Bedrängnis bringt. Nicht weil sie kämpft, sondern weil sie leuchtet.

Vardas Licht geht nicht aus. Es ist in den Sternen, die sie entzündete. Es ist in Galadriels Phiäle. Es ist in dem Namen, den Sam murmelt, wenn er glaubt, dass nichts mehr hilft. Und in Tolkiens Welt hat dieser Name Gewicht – weil das Licht, das dahintersteht, real ist und weil es älter ist als die Welt selbst.
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