Solara, die Sonnenfee
Es war ein ganz besonderer Morgen im Juni. Die Sonnenfee Solara lebte, so erzählen es die alten Mythen, tief im Inneren der Sonne. Jeden Sommer, wenn die Tage lang und warm wurden, verließ sie ihr goldenes Zuhause und flog zur Erde hinunter – unsichtbar für die meisten Menschen. Aber manchmal, ganz selten, konnte ein Kind mit einem reinen Herzen sie sehen.
Lena war sieben Jahre alt, hatte blonde Zöpfe und liebte es, in dem kleinen Garten hinter dem Haus ihrer Oma zu spielen. An diesem Morgen summte sie ein Lied vor sich hin und beobachtete die Schmetterlinge, als plötzlich etwas Merkwürdiges passierte. Eine Sonnenblume, die noch nie geblüht hatte, öffnete sich urplötzlich – und mitten in ihrer goldenen Mitte saß eine winzige, leuchtende Gestalt.

Lena rieb sich die Augen. Die Gestalt hatte lange goldene Haare, die im Licht funkelten wie tausend kleine Sterne. Ihre Flügel schimmerten wie Sonnenstrahlen. „Bist du… eine Fee?“, flüsterte Lena und hielt den Atem an.
„Ich bin Solara“, sagte die kleine Gestalt mit einer Stimme, die klang wie das Klingeln eines Glöckchens in der Sommerluft. „Ich bin die Hüterin des Sommers. Einmal im Jahr komme ich zur Erde, um sicherzustellen, dass die Wärme alle Wiesen, Felder und Gärten erreicht.“
Lena kniete sich ganz vorsichtig hin, um besser sehen zu können. „Und warum kann ich dich sehen?“, fragte sie leise.
Solara lächelte. „Weil du wirklich hingeschaut hast. Die meisten Menschen schauen gar nicht mehr richtig hin. Aber du – du hast die Sonnenblume beobachtet, ohne abgelenkt zu sein. Das ist das Geheimnis.“
Der Auftrag der Sonnenfee
Lena setzte sich ins Gras, und Solara erzählte ihr die alte Geschichte. Vor vielen, vielen Jahren, als die Welt noch jung war, gab es einen langen, finsteren Winter, der einfach nicht enden wollte. Die Blumen schliefen, die Tiere froren, und die Menschen wurden traurig. Da beschlossen die Sonnen-Geister, eine Fee auszusenden – Solara –, die jeden Sommer zur Erde kommen sollte, um die Wärme persönlich zu bringen.
„Aber die Sonne scheint doch von alleine“, sagte Lena nachdenklich.
„Stimmt“, antwortete Solara und ließ ein kleines Fünkchen Goldstaub tanzen. „Die Sonne scheint. Aber es ist meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Wärme auch wirklich in jedem Garten ankommt. In jeder Blume, in jedem Herz. Manchmal vergessen die Menschen, die Wärme wahrzunehmen. Dann erinnere ich sie daran.“
Lena dachte nach. „Und wie machst du das?“
„Manchmal schicke ich einen warmen Windhauch. Manchmal lasse ich einen Schmetterling auf einer Schulter sitzen. Und manchmal“, Solara zwinkerte, „lasse ich einfach eine Sonnenblume aufgehen, damit ein Kind hinschaut.“

„Darf ich mitkommen?“, fragte Lena plötzlich. „Auf deiner Reise durch den Sommer?“
Solara überlegte einen Moment. Dann streckte sie ihre winzige Hand aus. „Nur ein kleines Stück. Halt dich fest!“
Und ehe Lena wusste, wie ihr geschah, wurde sie ganz leicht – leicht wie eine Pusteblume – und schwebte in die Luft. Mit Solara an ihrer Seite flogen sie über die Dächer des Dorfes, über Felder voller Kornblumen und Mohnblumen, über glitzernde Bäche und dichte Wälder. Die warme Luft trug sie wie auf Händen, und Lena lachte vor Freude.
„Siehst du das?“, rief Solara und zeigte auf eine trockene Wiese ganz unten. „Dort hat die Wärme noch nicht ganz angekommen.“ Sie streckte ihre Hände aus, und goldenes Licht floss aus ihren Handflächen wie warmes Wasser. Unten auf der Wiese öffneten sich langsam kleine gelbe Blüten.
Das Geheimnis des Sommers
Nach ihrer Reise landeten die beiden sanft wieder im Garten der Oma. Lena saß wieder im Gras, und Solara saß auf der Sonnenblume wie zuvor. „Warum erzählt mir das keiner?“, fragte Lena. „Von dir, von den Sonnenfeen?“
„Früher haben es die Alten den Kindern erzählt“, sagte Solara ein wenig traurig. „Es gibt viele Geschichten über uns. Manche nennen uns Sonnenfeen, andere nennen uns Lichtwesen oder Sommergeister. In jedem Land gibt es einen anderen Namen. Aber die Geschichten werden seltener. Deshalb bin ich froh, wenn jemand wie du wirklich zuhört.“
Lena fasste einen Entschluss. „Ich werde die Geschichte weitererzählen“, sagte sie fest. „Meiner Oma, meinen Freunden, allen!“
Solara strahlte – buchstäblich, denn ihr ganzer kleiner Körper leuchtete warm und golden auf. „Das ist das Schönste, was du tun kannst. Geschichten sind wie Sonnenstrahl: Je mehr du sie teilst, desto wärmer wird es.“
Die Sonne stand nun hoch am Himmel, und der Garten duftete nach Rosen und warmem Gras. Lena merkte, dass es Mittag geworden war. „Musst du jetzt wieder gehen?“
„Noch nicht“, sagte Solara. „Ich habe noch viele Gärten zu besuchen heute. Aber ich komme jeden Sommer wieder. Und wenn du wieder eine Sonnenblume aufgehen siehst – dann weißt du, dass ich da bin.“

Dann stieg Solara in die Luft, höher und höher, bis sie nur noch ein kleiner goldener Funkeln am blauen Himmel war – und dann war sie weg.
Lena stand lange da und schaute nach oben. Sie spürte die Sonne warm auf ihrer Haut. Und sie lächelte.
An diesem Abend setzte sie sich zu ihrer Oma und sagte: „Oma, ich muss dir etwas erzählen. Von Solara, der Sonnenfee.“ Die Oma hörte zu, und ihre Augen wurden ganz groß. „Das haben mir meine Eltern früher auch erzählt“, flüsterte sie. „Ich dachte, ich hätte es vergessen.“
Aber Geschichten vergisst man nie wirklich. Sie schlafen nur manchmal – genau wie die Sonne im Winter. Und jeden Sommer kommen sie wieder.
