Oscar Wildes „Das Gespenst von Canterville“ lebt von seinen Figuren – und von dem Kontrast, den sie erzeugen. Auf der einen Seite ein jahrhundertealtes englisches Gespenst, das mit vollem Ernst seine Pflicht erfüllt. Auf der anderen eine amerikanische Familie, die von Gespenstern so wenig beeindruckt ist wie von einer undichten Dachrinne. Dieser Zusammenprall ist die eigentliche Komödie – und dahinter verbirgt sich eine stille Geschichte über Schuld, Mitgefühl und Erlösung.
Was die Figuren so besonders macht: Wilde gibt keiner von ihnen eine einfache Rolle. Sir Simon ist das Monster mit dem verletzlichsten Herzen. Virginia ist das Kind, das erwachsener denkt als alle Erwachsenen um sie herum. Und die restliche Familie Otis ist eine liebevoll überzeichnete Satire auf den amerikanischen Pragmatismus – ohne je gehässig zu werden.
Sir Simon de Canterville – das müdeste Gespenst der Weltliteratur
Sir Simon ist seit 1584 tot – und hat seitdem kein einziges Mal Ruhe gefunden. Er hat Canterville Chase erfolgreich heimgesucht, Generationen von Bewohnern erschreckt und sich ein beeindruckendes Repertoire an Verwandlungen und Erscheinungsformen aufgebaut. Dann kommen die Otis.
Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=5wa_u5TFAOA
Was Wilde mit Sir Simon gelingt, ist eine der schönsten Umkehrungen des Genres: Das Gespenst ist das Opfer, nicht der Schrecken. Drei Jahrhunderte lang hat er seine Rolle perfekt gespielt – und nun versagen alle seine Mittel. Die Zwillinge beschießen ihn mit Erbsen. Sein blutig-roter Fleck wird mit Pinkerton’s Champion Stain Remover entfernt. Seine Geräusche werden mit Haushaltsöl zum Schweigen gebracht.

Sir Simon mordete einst seine Frau – das ist seine Schuld, die ihn bindet. Aber Wilde lässt ihn nie zu einem Bösewicht werden. Er ist ein Wesen, das leidet, das nicht loslassen kann und das nichts sehnlicher will als Ruhe.
Seine Verwandlungen hat er über die Jahrhunderte sorgfältig entwickelt: „Der Blutrote Benedikt von Bamwick“, „Der Geist des Fürsten Iorwerth“, „Der Stumme Daniel“ – all diese Kostüme und Inszenierungen sind das Werk eines Künstlers, dem sein Publikum abhandengekommen ist. Die Erschöpfung, die Wilde ihm gibt, macht ihn zu einer der berührendsten Figuren der englischen Literatur.
Virginia Otis – die Einzige, die wirklich hinsieht
Virginia ist fünfzehn Jahre alt, reitet gern und ist die einzige Figur in der Geschichte, die Sir Simon nicht als Problem oder Kuriosität betrachtet, sondern als Wesen mit einer Geschichte. Während ihr Vater Fleckenentferner schickt und ihre Brüder Fallen aufstellen, setzt sich Virginia hin und hört zu.

Diese Fähigkeit zur Empathie ist Virginias eigentliche Stärke. Sie versteht, dass hinter dem Gespenst ein Mensch steckt – einer, der etwas Schreckliches getan hat, der dafür büßt und der sich nach Vergebung sehnt, ohne zu wissen, wie er darum bitten soll. Das Gespräch zwischen ihr und Sir Simon ist der emotionale Kern der Erzählung: zärtlich, ein wenig surreal, und von einer moralischen Reife, die die meisten Erwachsenen in der Geschichte nicht aufbringen.
Am Ende ist es Virginia, die Sir Simon zur Ruhe bringt – was genau in dem Zimmer geschah, verrät sie nie. Wilde lässt dieses Geheimnis bewusst offen. Es ist der Moment, wo er die Ironie fallen lässt und einfach berührt.
Die Familie Otis – Amerika auf Schlossbesuch
Die Otis-Familie ist Wildes liebevolle Satire auf den amerikanischen Pragmatismus – übertrieben gezeichnet, aber nie bösartig. Jedes Familienmitglied hat seine eigene Funktion im komödiantischen Gefüge.

- Hiram B. Otis – amerikanischer Botschafter, rational bis ins Mark. Er kauft das Schloss trotz aller Warnungen, weil er an Gespenster schlicht nicht glaubt. Sein erster Reflex bei jeder übernatürlichen Erscheinung: ein praktisches Haushaltsmittel anbieten. Er ist die Verkörperung des modernen Menschen, der für Mysterien keine Schublade hat – und also keine Angst vor ihnen.
- Lucretia Otis – die Mutter, charmant und kultiviert. Wilde gibt ihr weniger Raum als den anderen Familienmitgliedern, aber sie ist die stille Vernunft der Familie – und zeigt gelegentlich mehr Gespür für die Atmosphäre des Hauses als ihr Mann.
- Washington Otis – der älteste Sohn, der den Blutfleck im Speisesaal persönlich mit Pinkerton’s Fleckenentferner zu Leibe rückt. Er ist jung, selbstbewusst und hat das vollständige Desinteresse seines Vaters an allem Übernatürlichen geerbt.
- Die Zwillinge (Star und Stripes) – die unermüdlichsten Widersacher des Gespensts. Mit Erbsen, Schnüren, falschen Gespenstern und Wassereimern treiben sie Sir Simon zur Verzweiflung. Wilde lässt sie als reine Komödienfiguren agieren – sie haben keine Tiefe, aber sie brauchen keine. Ihre Funktion ist der Kontrast zu Virginias Ernsthaftigkeit.
- Virginia – die einzige in der Familie, die Sir Simon als das sieht, was er ist: ein Wesen mit einer Geschichte und einer Sehnsucht nach Frieden. Ihre Rolle in der Erzählung geht weit über die der anderen Familienmitglieder hinaus.
Der Schauplatz als Figur – Canterville Chase
Das Anwesen selbst ist mehr als eine Kulisse – es ist ein stummer Charakter. Canterville Chase steht für die englische Vergangenheit mit all ihrer Schwere: der Blutfleck, der sich nicht entfernen lässt (bis auf einmal – und dann kehrt er zurück), die Atmosphäre des Verfalls, die Bibliothek mit den alten Büchern über das Leben nach dem Tod. Das Schloss ist das materielle Gedächtnis von Sir Simons Geschichte.

Die Otis-Familie betritt dieses Haus und behandelt es wie jede andere Immobilie. Was für Sir Simon heilig und schmerzhaft ist, wird für sie zum Instandhaltungsproblem. Genau dieser Gegensatz – das Gewicht der Geschichte gegen die Leichtigkeit der Gegenwart – ist das eigentliche Thema der Erzählung.
Zwischen Witz und Würde – die Figurenkonstellation
| ✅ Postives | ❌ Grenzen |
|---|---|
| Wilde schafft eine Figurenkonstellation, in der jeder Charakter eine klare Funktion hat – ohne dass einer davon flach oder langweilig wird | Die Zwillinge und Washington bleiben bewusst eindimensional, was als Satire funktioniert, aber tiefere Entwicklung verhindert |
| Sir Simons Wandlung von der Schreckfigur zur tragischen Gestalt ist eine der elegantesten Charakterentwicklungen der viktorianischen Kurzprosa | Die Eltern bleiben in ihrer Funktion als Kontrastfiguren zu Virginia, ohne eigene Tiefe zu entwickeln |
| Virginia als moralisches Zentrum verleiht der Komödie eine echte emotionale Substanz | Nebencharaktere wie Mrs. Umney, die Haushälterin, sind nur kurz skizziert |
Was Wilde mit diesen Figuren beweist: Man muss keine Angst vor einem Gespenst haben, um von ihm berührt zu werden. Man muss nur hinschauen. Virginia tut es – und genau deshalb ist sie die eigentliche Heldin der Geschichte.
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