Sie weint. Das ist das Erste, was Tolkien über Nienna sagt – und das Wichtigste. Sie weint um den Schmerz der Welt, um die Wunden, die Melkor in die Schöpfung schlug, um die Leid der Sterblichen und die Trauer der Elben. Aber ihre Tränen sind nicht Schwäche. Sie haben Heilkraft. Und wer bei ihr in die Schule geht, lernt nicht das Weinen – er lernt das Mitfühlen, das Widerstandsfähigmachen, die Hoffnung, die nicht trotz der Trauer entsteht, sondern durch sie.
Gandalf war ihr Schüler.
Wer ist Nienna?
Nienna ist eine der acht Aratar – der mächtigsten unter den vierzehn Valar. Ihr Bereich ist etwas, das auf den ersten Blick merkwürdig klingt für eine Gottheit: Trauer. Mitleid. Das Weinen um Dinge, die verloren gingen oder nie sein konnten. Sie wohnt allein, am westlichen Rand der Welt, in einem Haus, das Tolkien als fensterlos und nach innen gewandt beschreibt. Sie hat keinen Gemahl. Sie hat keine großen Schöpfungen wie Yavanna oder Varda. Was sie hat, ist die Last – und die Fähigkeit, diese Last zu tragen und daraus Kraft zu machen.
Tolkien schreibt, dass Nienna mehr weinte als alle anderen Ainur zusammen. Nicht weil sie schwächer ist. Sondern weil sie am tiefsten fühlt, was in der Welt schmerzt. Das ist keine Sentimentalität – es ist eine Fähigkeit. Wer fühlen kann, was andere leiden, kann ihnen helfen, es zu tragen. Das ist Niennas Gabe.

Niennas Tränen – was sie bewirken
Die Tränen Niennas haben in Tolkiens Mythologie konkrete Wirkung. Als Melkor und Ungoliant die Zwei Bäume Valinors vergifteten und das Licht der Welt erlosch, weinten alle Valar. Aber Niennas Tränen fielen auf die sterbenden Bäume und reinigten sie – nicht genug, um sie zu retten, aber genug, damit aus Telperions letzter Blüte der Mond gemacht werden konnte, aus Laurelins letzter Frucht die Sonne. Selbst in der Niederlage, selbst bei der Vernichtung ihrer schönsten Schöpfungen, verwandelt Niennas Trauer etwas. Sie macht aus dem Tod nicht Nichts, sondern etwas Neues.
Das ist das Muster, das sich durch Niennas gesamte Rolle zieht: Sie ist keine Retterin, keine Kämpferin, keine Schöpferin im handwerklichen Sinne. Sie ist diejenige, die in der Niederlage noch etwas Lebenswertes findet.

Nienna und Mandos – die Geschwister des Inneren
Nienna ist die Schwester von Mandos und Lórien – drei Valar, deren Bereich das Innenleben der Wesen ist, nicht die äußere Form der Welt. Mandos kennt die Schicksale und richtet die Toten. Lórien schickt Träume und Visionen. Und Nienna trägt die Trauer.
Die Verbindung zwischen Nienna und Mandos ist besonders eng. Tolkien beschreibt, wie Nienna oft in Mandos‘ Hallen sitzt – dem Reich der Toten – und dort singt, trauert und den Geistern der Verstorbenen Trost spendet. Sie kommt nicht, um zu retten oder zu befreien. Sie kommt, damit die Toten nicht allein sind mit ihrer Situation. Das ist ihr Dienst an der Welt: Anwesenheit in der Dunkelheit, ohne die Dunkelheit zu leugnen.
- Bereich: Trauer, Mitleid, Hoffnung durch Schmerz. Die Fähigkeit, den Schmerz der Welt zu tragen und ihn heilend zurückzugeben.
- Geschwister: Mandos (Námo) – Herr der Schicksale. Lórien (Irmo) – Herr der Träume. Alle drei befassen sich mit dem Innenleben der Wesen.
- Wohnort: Ein einsames Haus am westlichen Rand der Welt – fensterlos, nach innen gewandt. Kein Palast in Valmar wie die anderen Valar.
- Bekannter Schüler: Gandalf (Olórin) – der wichtigste. Sein Mitleid, seine Geduld, seine Fähigkeit, die Last anderer zu tragen, stammen aus Niennas Lehre.
- Tränen: Haben Heilkraft. Sie reinigten die sterbenden Zwei Bäume, sodass aus ihnen Mond und Sonne entstehen konnten.
- Name: Nienna kommt vom Quenya-Wort für Träne oder Weinen. Ein direkter Verweis auf ihre Natur.

Gandalfs Lehrerin – der wichtigste Einfluss Niennas
Olórin – Gandalfs Name als Maiar – war Niennas Schüler. Das sagt Tolkien explizit im Silmarillion. Und er beschreibt, was Nienna ihm beibrachte: Mitleid und Geduld. Nicht Zauberei, nicht Kampfkunst, nicht Wissen über die Ringe der Macht. Mitleid. Die Fähigkeit, die Last anderer zu fühlen, ohne daran zu zerbrechen.
Das prägt Gandalf tiefer als alles andere. Er ist nicht der mächtigste der Istari – Saruman war das. Er ist nicht der Listigste – Sauron ist das. Aber er ist derjenige, der Bilbo Beutlin sieht und erkennt, dass da mehr ist als ein kleiner Hobbit. Der in Frodo etwas sieht, das die Aufgabe tragen kann. Der Pippin nicht aufgibt, obwohl Pippin immer wieder versagt. Das ist Niennas Lehre: Nicht aufgeben. Nicht weil die Aussichten gut sind – sondern weil Mitleid stärker ist als Verzweiflung.

Hoffnung durch Trauer – Niennas Paradox
Nienna ist die Herrin des Mitleids – aber auch der Hoffnung. Das klingt widersprüchlich. Hoffnung klingt nach Aufhellungen, nach dem Ende der Trauer. Aber Tolkiens Nienna zeigt etwas anderes: Hoffnung entsteht nicht, wenn die Trauer vorbei ist. Sie entsteht inmitten der Trauer, als Wille weiterzumachen, als Weigerung, die Niederlage als das letzte Wort anzuerkennen.
Das ist eine zutiefst mittelalterliche und christliche Vorstellung, die Tolkien bewusst einbaute. Die Valar können nicht alles retten. Mittelerde ist eine Welt voller Verlust. Die Zwei Bäume sterben. Gondolin fällt. Númenor versinkt. Aber Nienna sitzt dabei und weint – und ihre Tränen reinigen, heilen, verwandeln. Das Böse hinterlässt Narben. Niennas Antwort auf Narben ist nicht, sie zu verleugnen, sondern sie zu tragen.

Nienna weint. Aber sie hört nicht auf. Das ist ihre Botschaft: dass die Trauer um eine Welt, die schmerzt, kein Zeichen von Schwäche ist. Sondern der Beweis, dass sie noch liebenswert ist.
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