Oscar Wilde hat die Geschichte des Geistes von Canterville kurz gehalten – sie umfasst sechs Kapitel und lässt sich an einem Nachmittag lesen. Aber was darin passiert, ist so dicht, so komisch und so berührend, dass man danach das Gefühl hat, ein ganzes Buch gelesen zu haben. Hier ist die Geschichte – erzählt so, wie sie verdient wird.
Alles beginnt mit einem Kauf. Der amerikanische Botschafter Hiram B. Otis erwirbt Canterville Chase, ein altes englisches Landhaus in Hampshire. Lord Canterville, der Verkäufer, warnt ihn ausdrücklich: Das Haus wird seit dreihundert Jahren von einem Gespenst heimgesucht. Otis zuckt die Schultern. Er glaubt nicht an Gespenster. Kurz darauf zieht die Familie ein.
Kapitel 1 – Ankunft und erste Zeichen
Die Familie Otis besteht aus fünf Personen: dem pragmatischen Vater, der charmanten Mutter, dem älteren Sohn Washington, der fünfzehnjährigen Virginia – und den Zwillingen, die in der Erzählung nur „The Stars and Stripes“ heißen. Kaum sind sie eingezogen, fällt ihnen der mysteriöse rote Blutfleck auf dem Boden des Wohnzimmers auf. Die Haushälterin Mrs. Umney erklärt blass: Das sei das Blut von Lady Eleonore de Canterville, die Sir Simon hier 1575 ermordete. Der Fleck lasse sich nicht entfernen.
Washington Otis greift zur Flasche Pinkerton’s Champion Stain Remover – und der Fleck ist weg. In derselben Nacht bricht ein Gewitter los. Und Sir Simon erscheint.
Kapitel 2 – Das Gespenst schlägt zurück (vergeblich)
Sir Simon, der seit 1584 im Haus spukt und in drei Jahrhunderten jeden erschreckt hat, tritt in voller Pracht auf: rasselnd, in Ketten, mit unheimlichem Licht. Mr. Otis öffnet die Schlafzimmertür – und reicht ihm ein Fläschchen Tammany Rising Sun Lubricator für die quietschenden Ketten. „Wenn Sie wirklich Öl brauchen“, erklärt er, „stelle ich Ihnen jederzeit gerne mehr zur Verfügung.“
Sir Simon ist fassungslos. Er zieht sich zurück und sinnt auf Rache.
Die folgenden Nächte werden zu einem Wettstreit zwischen einem dreihundert Jahre alten Gespenst und einer amerikanischen Familie, die für übernatürliche Phänomene grundsätzlich eine praktische Lösung parat hat.
Sir Simon schlägt zurück mit seinem bewährtesten Repertoire: Er erscheint als „Der Blutrote Benedikt von Bamwick“, als „Der Geist des Fürsten Iorwerth“, schließlich als die eigens entwickelte Kreation „Der Stumme Daniel oder der Selbstmörder der Sutherland Avenue“. Jedes Mal scheitert er. Die Zwillinge stellen ihm Fallen, übergießen ihn mit einem Wassereimer und bauen selbst ein Pappgespenst, das ihm einen solchen Schrecken einjagt, dass er ohnmächtig wird.
Kapitel 3 und 4 – Die Erschöpfung des Gespenstes
Wilde lässt die Tonlage jetzt langsam kippen. Sir Simon ist nicht mehr nur eine Komödienfigur – er ist erschöpft. Dreihundert Jahre lang hat er seinen Dienst getan, hat geschreckt und geplagt und die Bewohner des Hauses in Angst versetzt. Und jetzt das. Eine Familie, die seinen Flecken wegwischt, seine Ketten einölt und ihm Pappgespenster vor die Füße stellt.
- Nacht 1 – Schlangenrasseln und grüner Lichtschein: Mr. Otis reicht ihm Öl für die Ketten und empfiehlt, beim nächsten Mal etwas leiser zu sein, da die Familie schlafen möchte.
- Nacht 2 – Spektakulärer Auftritt als Rupert der Unerschrockene: Die Zwillinge treffen ihn mit einem Schuss Erbsen aus ihrer Schleuder.
- Nacht 3 – Das selbst gebaute Pappgespenst der Zwillinge erschreckt Sir Simon so, dass er ohnmächtig in der Bibliothek zusammenbricht.
- Nacht 4 – Auftritt als Vampir: Washington Otis verfolgt ihn mit einer großen Kerze durch drei Stockwerke.
Sir Simon beschließt, sein Zimmer nicht mehr zu verlassen. Er ist so geschwächt, dass er kaum noch aufrecht stehen kann. Und dann kommt Virginia.
Kapitel 5 – Virginia und das Geheimnis
Das fünfte Kapitel ist das Herz der Erzählung. Virginia findet Sir Simon in der alten Wappengalerie – alt, erschöpft und traurig. Sie setzt sich zu ihm. Und er erzählt ihr von seinem Fluch.
Sir Simon mordete einst seine Frau. Sie ließen ihn verhungern. Seitdem kann er nicht ruhen. Er kennt den Weg ins ewige Licht, aber er kann ihn nicht allein gehen. Ein alter Spruch am Fenster der Wappengalerie sagt, was nötig ist: ein Kind, das für ihn weint, das für ihn betet, das ihm Vergebung bringt.
Virginia versteht. Sie fragt nicht lange. Sie geht mit ihm.
Was in dem Raum geschieht, erzählt Virginia nie. Wilde lässt das Geheimnis bewusst offen – es ist einer der seltenen Momente, wo er die Ironie fallen lässt und schlicht berührt.
Die Familie sucht Virginia stundenlang. Als sie zurückkommt, ist Sir Simon tot – wirklich tot, zur Ruhe gekommen. Sie trägt einen kleinen Kasten mit Schmuck, den das Gespenst ihr hinterlassen hat. Ihre Augen sind feucht, aber sie lächelt.
Kapitel 6 – Das Begräbnis und der Abschluss
Sir Simon de Canterville wird auf dem Anwesen bestattet, mit allem Respekt, der einem englischen Edelmann zusteht. Lord Canterville, der frühere Besitzer, kommt persönlich. Der Schmuck, den Virginia erhalten hat, soll ihr gehören – Sir Simon hatte ihn seiner Frau hinterlassen, und Virginia hat das Recht daran verdient.
Die Geschichte endet einige Jahre später. Virginia heiratet Lord Cecil. Ihr Mann fragt sie einmal, was in jenem Zimmer geschah. Sie antwortet, dass sie ihm das nie sagen werde – aber dass sie ihm, wenn er alt und grau ist, etwas sagen wird, was ihm helfen wird, das Leben besser zu verstehen. Das ist das letzte Wort der Erzählung. Kein Witz. Keine Ironie. Nur Stille.
Was die Geschichte so besonders macht
| ✅ Postives | ❌ Grenzen |
|---|---|
| Wilde verbindet zwei Genres – Komödie und Erlösungsgeschichte – zu einem nahtlosen, stimmigen Ganzen | Wer nur die witzigen Kapitel kennt, verpasst den eigentlichen Kern der Erzählung |
| Die Handlung ist so straff und präzise, dass jede Szene ihren Zweck hat – kein Wort ist verschwendet | Die Komödie der ersten Kapitel und die Ernsthaftigkeit der letzten passen stilistisch nur durch Wildes Können zusammen |
| Das offene Ende – Virginias Geheimnis – ist eine der klügsten Entscheidungen der Erzählung | Die Nebenhandlung um Virginias spätere Heirat fühlt sich wie ein hastiger Abschluss an |
Was Oscar Wilde in sechs kurzen Kapiteln gelingt, ist bemerkenswert: Er nimmt ein übernatürliches Wesen, lacht es aus – und dann lässt er es mit Würde sterben. Das ist die Geschichte des Geistes von Canterville.
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