Hinter der sichtbaren Welt liegt eine andere. Sie hat viele Namen – Anderswelt, Feenreich, Jenseits, Tír na nÓg – aber immer dasselbe Grundprinzip: Es gibt eine Realität, die parallel zur unsrigen existiert, die an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten berührt werden kann und in der andere Regeln gelten. Die Anderswelt ist kein Konzept einer einzelnen Mythologie, sondern ein universelles menschliches Vorstellungsmuster, das in Europa von Irland bis nach Griechenland, von Skandinavien bis zu den Slawen überall anzutreffen ist.
Was diese parallele Welt genau ist, variiert stark: In der irischen Überlieferung ist sie ein Ort der ewigen Jugend und des Überflusses. In der nordischen ist sie aufgeteilt in verschiedene Reiche, von denen manche lebenswert sind und andere gefürchtet werden. In der griechischen Tradition ist sie die Unterwelt – kein paradiesischer Ort, sondern das Reich der Schatten. Allen gemeinsam ist die Idee der Durchlässigkeit: Unter bestimmten Bedingungen können Menschen diese Grenze überschreiten.
Auf dieser Seite geht es um die wichtigsten Anderswelt-Konzepte verschiedener Kulturen, die Orte und Zeiten ihres Zugangs, bekannte Sagenepisoden und ihr Weiterleben bis in die Gegenwart.
Die keltische Anderswelt – das reichste Konzept
Keine mythologische Tradition hat die Anderswelt so detailliert und facettenreich beschrieben wie die irisch-keltische. Die Anderswelt taucht hier unter verschiedenen Namen auf, die jeweils andere Aspekte dieses parallelen Reiches betonen:
Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=uS-s_5ZKdBU
- Tír na nÓg – „Land der ewigen Jugend“: Der bekannteste Name. Ein Ort ohne Alter, Krankheit oder Tod, jenseits des westlichen Meeres. In der Geschichte von Oisín und Niamh zieht der Held des Fianna-Zyklus dorthin, kehrt nach scheinbar kurzer Zeit zurück und stirbt sofort, weil Jahrhunderte vergangen sind
- Mag Mell – „Ebene der Freude“ oder „Ebene der Honigfrüchte“: Ein Ort des Überflusses und der Freude – kein Sterben, keine Sorgen, keine Jahreszeiten. Der Name betont die sensorische Dimension der Anderswelt
- Tír na mBeo – „Land der Lebenden“: Paradoxerweise heißt die Anderswelt manchmal das „Land der Lebenden“ – weil die Wesen dort nicht sterben. Die Sterblichen sind in dieser Perspektive die Unvollkommenen
- Annwn (walisisch): Das Äquivalent in der walisischen Mabinogi-Tradition. Angeführt von Arawn, dem König des Totenreichs. Im Mabinogi tauscht Pwyll für ein Jahr mit Arawn die Gestalt – eine der zentralen Anderswelt-Episoden der walisischen Literatur
- Sídhe – die Feenhügel: In Irland sind die Eingänge zur Anderswelt oft konkrete Orte – Grabhügel der Jungsteinzeit wie Newgrange oder Knocknarea. Die übernatürlichen Wesen, die dort wohnen, heißen Aes Sídhe oder Daoine Sídhe
Zugänge zur Anderswelt – Orte und Zeiten
Die Anderswelt ist nicht immer zugänglich – es gibt bestimmte Orte und Zeiten, an denen die Grenze besonders dünn wird. Diese Vorstellung ist in der keltischen Überlieferung besonders präzise beschrieben:
- Heilige Orte – Hügel, Quellen, WälderGrabhügel gelten als Eingänge zur Anderswelt – besonders die megalithischen Hügel Irlands wie Newgrange, Knowth und Brú na Bóinne. Auch Quellen, alte Eichen und Weißdornbäume, Kreuzwege und nebelverhangene Seen galten als Schwellenzonen. Der Weißdorn war der Baum, unter dem man am ehesten in die Anderswelt geraten konnte.
- Schwellenzeiten – Samhain und die ÜbergängeDas Fest Samhain (31. Oktober / 1. November) gilt als die Nacht des Jahres, an der die Anderswelt am zugänglichsten ist. Auch Beltane (1. Mai), Imbolc und Lughnasadh sind Übergangspunkte. Mitternacht und die Morgen- und Abenddämmerung gelten täglich als Schwellenzeiten.
- Nebel und veränderte WahrnehmungIn irischen Sagas taucht immer wieder der „féth fíada“ auf – ein magischer Nebel, den die Sídhe erzeugen können, um sich unsichtbar zu machen oder um Sterbliche in ihre Welt zu ziehen. Nebel als Übergangsphänomen ist eine der beständigsten Anderswelt-Metaphern.
- Wasser und das westliche MeerDas westliche Meer gilt in der irischen Tradition als Weg zur Anderswelt. Tír na nÓg liegt jenseits des Horizonts. Viele irische Jenseitsreise-Texte (Immrama) beschreiben Seereisen auf der Suche nach diesen Inseln am Rand der Welt.
Bekannte Anderswelt-Reisen in der Sagenliteratur
Die irischen und walisischen Sagas sind reich an Episoden, in denen Helden die Anderswelt betreten – freiwillig oder unfreiwillig, erfolgreich oder mit tragischen Konsequenzen:
- Oisín in Tír na nÓg: Der Krieger Oisín folgt der schönen Niamh ins Land der ewigen Jugend. Nach drei Jahren (in der Anderswelt) will er seine Familie wiedersehen. Niamh warnt ihn: Er darf nicht vom Pferd steigen. Er fällt, berührt irische Erde – und wird augenblicklich zum uralten Greis. Irland hat sich in drei Jahrhunderten verändert
- Pwyll und Arawn (Mabinogi): Pwyll, Fürst von Dyfed, begegnet Arawn, dem König von Annwn. Sie tauschen für ein Jahr die Gestalt – Pwyll regiert die Anderswelt, Arawn regiert Dyfed. Pwyll schläft neben Arawns Frau, ohne sie zu berühren – eine Bewährungsprobe seiner Ehrenhaftigkeit
- Cú Chulainn im Sídhe: Der Ulster-Held tritt mehrfach mit der Anderswelt in Kontakt. In „Serglige Con Culainn“ wird er in die Anderswelt gezogen, wo er eine Frau liebt und für Manannán mac Lir kämpft – ein typisches Muster: Der Held wird benötigt, geleistet Dienst, erhält Belohnung
- Fionn mac Cumhaill und die Sídhe: Der Held der Fianna-Sagas hat zahlreiche Berührungspunkte mit den Sídhe. Sein magisches Wissen erlangte er durch den Lachs der Weisheit – selbst ein Wesen der Anderwelt-Grenze
- Die Imrama – Seefahrten zur Anderswelt: Eine eigene irische Literaturgattung beschreibt Seefahrten zu übernatürlichen Inseln im Westmeer. Die bekanntesten: „Immram Brain“ (Brans Seefahrt) und „Immram Curaig Máele Dúin“ (die Seefahrt des Máel Dúin)
Die Anderswelt in anderen europäischen Traditionen
| ✅ Postives | ❌ Grenzen |
|---|---|
| Nordisch (Hel, Niflheim, Alfheim): Differenziertes System verschiedener Welten auf dem Weltenbaum Yggdrasil. Hel ist das Reich der gewöhnlichen Toten – nicht Strafe, sondern einfach das Andere | Nordisch: Nur Helden sterben in Walhöll – für die meisten Toten ist Hel das gewöhnliche Ziel, was das Konzept weniger glorreich macht als populäre Vorstellung suggeriert |
| Griechisch (Hades, Elysion): Differenziertes Jenseits mit Elysion für Helden und Asphodeloswiesen für gewöhnliche Seelen. Orpheus‘ Gang in die Unterwelt und Persephones Jahresreise sind die zentralen Anderswelt-Episoden | Griechisch: Hades ist primär ein Totenreich – keine Parallelwelt für Lebende, sondern klare Trennung nach dem Tod |
| Slawisch (Nav, Prav, Jav): Das slawische Dreiwelten-Konzept teilt die Realität in Jav (die sichtbare Welt), Nav (die Welt der Toten) und Prav (die göttliche Ordnung) – eine dreidimensionale Kosmologie | Slawisch: Die Überlieferung ist durch Christianisierung stark fragmentiert, viele Details wurden nicht schriftlich überliefert |
Die Anderswelt in Literatur und moderner Kultur
Das Anderswelt-Konzept hat die moderne Literatur und Medienkultur tief geprägt – oft ohne dass die mythologischen Wurzeln noch bewusst sind:
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Die Anderswelt und das Fest Samhain
Das keltische Fest Samhain ist untrennbar mit der Anderswelt verbunden. In der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November galten die Grenzen zwischen den Welten als besonders durchlässig – Bewohner der Anderswelt konnten ungehindert in die Welt der Lebenden eintreten, und Menschen konnten – gewollt oder ungewollt – in die Anderswelt gezogen werden. Die Feuer von Samhain hatten auch die Funktion, diese Grenzöffnung zu markieren und Schutz vor unerwünschten Anderswelt-Wesen zu bieten.
Wer mehr über dieses Fest und seine historischen Hintergründe erfahren möchte, findet im Artikel über Samhain ausführliche Informationen. Und die Wesen, die in der Anderswelt wohnen und in der Samhain-Nacht umherzogen, sind ausführlich im Artikel über die keltischen Geister beschrieben.




